Das Sommermärchen

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Elines Wundertruhe und ein Museum in Seenot

von Antje Kröger-Voss

Es ist Herbstanfang, ein wunderschöner Nachmittag im September 2010. Friedlich und ein wenig verträumt, manche sagen sogar verschnarcht, liegt unser allseits geliebtes Altonaer Museum an der Parkanlage und lässt sich von der Sonne bescheinen. Links vor dem Museum sieht man einen Drachen und einen Lindwurm. Sie sind schon sehr alt.Wie ihr alle wisst, bewachen Drachen auch immer Schätze. Ja, und davon gibt es viele im Altonaer Museum. Wertvolle Sachen wurden gesammelt wie Hausrat, Silber, Porzellan, Glas, Schmuck, Bilder, Möbel. Ach, die Leute brachten ihre besten Sachen dorthin, damit sie der Nachwelt erhalten blieben, von den kommenden Generationen bestaunt und bewundert würden. Aber nicht nur das. Es soll auch gezeigt werden, wie man früher gelebt und gearbeitet hat, hier vor allem im norddeutschen Raum.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig war der Fischfang. So wird denn der Museumsbesucher in einer großen Säulenhalle an lauter Schaukästen mit Fischkuttern und Fischerbooten vorbei geführt, sogenannten Dioramen, und erfährt etwas über die unterschiedlichsten Fischfangmethoden vom ausgeworfenen Netz hin bis zu langen Leinen mit unzähligen Angeln daran. Und was es da alles zu bestaunen gibt! Aale, Störe, ein ganzer Heringsschwarm, der sich in einem Netz verfangen hat. Auch die Muschelbänke und die Plattfische am Meeresgrund bleiben dem aufmerksamen Betrachter nicht verborgen.

Ehrfurchtsvoll betritt der Besucher dann den großen Saal mit den Galionsfiguren, eine schöner als die andere, den Oberkörper stolz aufgerichtet und den Blick unerschrocken in die Ferne gerichtet, kündend von Aufbruchstimmung , Tatendrang und Abenteuerlust.

Man erzählt sich, dass die Galionsfiguren des Nachts zum Leben erwachen und sich Geschichten von Abenteuern in exotischen Ländern, ja sogar von Piraten, von stolzen Schiffen, die an fernen Gestaden zerschellt sind, von gewaltigen Unwettern und Monsterwellen und von Riesenkraken, Seeschlangen und anderen Seeungeheuern erzählen.

Und wo zur See gefahren wird, da darf auch der Schiffsbau nicht fehlen. Davon kündet eine weitere Abteilung. Auch kann sich der Besucher an den unzähligen Schiffsmodellen und den Ölgemälden, die von dem seemännischen und ländlichen Leben zeugen, gar nicht satt sehen.

Ja, und dann gibt es da auch noch eine Nische, wo romantische Schlösser und Burgen aus dem Bilderrahmen springen. Aber natürlich gibt es noch vieles andere zu entdecken, zum Beispiel die Bauernstuben.

Lauter gute Stuben reicher Bauern reihen sich aneinander. Decken und Wände sind kunstvoll bemalt oder mit Delfter Kacheln verziert. Vorbei geht es an wundervoll geschnitztem Gestühl und friesischen Brauttruhen. In so manch gemütlicher Stube möchte sich der Besucher wohl sogleich an den Tisch setzen und sich etwas auftischen lassen. Aber dazu lädt dann die Museumskate ein, wo er seinen müden Füßen etwas Erholung gönnen kann.

Ach, man schafft es eigentlich gar nicht, an einem einzigen Tag alles zu bestaunen. Da gibt es noch den Tante-Emma-Laden, der wohl noch so manchen Erwachsenen von heute in seine Kindheit versetzt und das Herz beim Betrachten der mit Bonbons und bunten Lutschstangen gefüllten Gläser höher schlagen lässt.

Auch Freunde des Papiertheaters und der Laterna magica kommen in der optischen Wunderkammer auf ihre Kosten.

Ein Jammer ist, dass zur Zeit das wertvolle Porzellan, das kostbare Kristall , Silber und Geschmeide vor den Sanierungsarbeiten im Museum flüchten musste und nicht bewundert werden kann.

Wenn nun der von all dem Erschauten erfüllte Besucher durch die untere Halle mit den Dioramen zum Museumsausgang strebt, schaut ihm die “Altonia” von einem riesigen Ölgemälde noch lange nach.

In der Vorhalle des Museums kann man dann nicht umhin, an einer besonderen Truhe vorbeizukommen, die magisch Münzen und Geldscheine anzieht. Das ist Elines Wundertruhe. Die steckt auch sonst noch voller Geheimnisse. Wer ist denn Eline und was heißt hier Wundertruhe , könntet ihr fragen. Das will ich euch jetzt verraten.

Eline war ein kleines Mädchen, das bei seiner Großmutter lebte. Eline vertrieb sich gerne die Zeit mit Kränzepflechten aus wunderschönen Blumen, die sie auf den Wiesen und Feldern pflückte.

Einmal war ein herrlicher Sommertag. Die Sonne schien hell strahlend. Der Himmel war blau. Die Felder wogten. Sie waren übersät mit Blumen. Es gab viele weiße Margeriten. Und mitten drin die kleine Eline in einem hellen Kleidchen. Sie wirkte wie eine kleine Prinzessin. Sie pflückte himmelblaue Glockenblumen. Sie war guter Dinge. Sie freute sich an der Natur und lachte.

Plötzlich sah die Kleine einen roten Papierdrachen, der sich spielerisch im Wind bewegte. Er hatte lustige Augen und einen lachenden Mund und einen Schweif aus lauter bunten Schleifen. Eline war begeistert und wollte mit ihm Fangen spielen. Sie folgte dem Drachen. Sie klatschte in die Hände und sah immer wieder dem Drachen zu, der durch einen leichten Windhauch zu einer Lauben-Kolonie geführt wurde. Dort landete er auf einem Baum.

Die ganze Anlage war umsäumt von einer grünen Buschhecke . In der Anlage selbst waren viele kleine Gartenhäuschen. Die Gärten waren voller duftender Rosen. Es gab viele Rosenbüsche und Rosenstöcke in hell rosa, hellgelb und weiß. Auch ein paar große Bäume gab es.

Die Anlage hatte ein wunderschönes mit hell rosa Rosen umranktes Tor. Dort ging die Kleine hindurch. Gleich rechts befand sich eine Gartenlaube, die ganz von hellgelben Rosen umrankt war. Dort stand ein altes Mütterchen. Es trug ein dunkles Kleid, eine weiße Schürze und eine weiße Haube. Eline ging auf das Mütterchen zu und begrüßte es. Es war ihre Großmutter. “Oh”, sagte diese, “dahinten am Horizont da ziehen dunkle Wolken auf. Da braut sich wohl ein Gewitter zusammen. Lauf du schon mal vor nach Hause. Ich habe hier noch zu tun.”

Da machte sich Eline auf den Weg. Sie ging durch einen Wald. Es donnerte schon. Bis nach Hause war es noch ein ganzes Stück. Das würde sie nicht schaffen, ohne nass zu werden. Aber ein Stückchen weiter hoch, wo es zum Schloss ging, das über dem Dorfe wachte, in dem sie lebte, da war eine Hütte. Da wollte sie Schutz suchen. Sie begab sich dorthin. Kaum war sie dort angelangt, da schüttete es wie aus Eimern. Dann war plötzlich alles vorbei und die Sonne schien wieder. Der Waldweg war jetzt aber ganz aufgeweicht und voller Pfützen. Da entschloss sie sich, auf dem Weg, der zum Schloss führte, weiter zugehen. Der war etwas besser.

Sie kam unten am Schloss an. Das Schloss ragte über ihr auf. Es stand auf einem steilen Felsen. Dort unten am Felsen war ein Stück Mauer aus groben Steinen, in die eine Tür eingelassen war. Die war ihr vorher noch nie so recht aufgefallen. Sie war neugierig und ging hinein.

Es war dunkel. Sie kam durch einen dunklen Gang und blieb vor einer schweren Holztür stehen, die von dem Gang rechts abging. Vor der Tür lag eine Stoffpuppe wie achtlos weggeworfen. Sie hatte ein dunkelblaues Kleid mit weißen Punkten an und auf ihren hellgelben Wollhaaren einen blauen Hut auf. Eline hob die Puppe auf und drückte sie an ihr Herz. Da öffnete sich plötzlich wie von selbst die schwere Holztür. Die Puppe hatte das bewirkt.Sie war die Wächterin der Tür.

Eline ging in den dahinter liegenden Raum und stand jetzt vor einer Steintreppe, die tief hinunter ging ins Wasser. Das Wasser schimmerte grünlich. In dem Wasser entdeckte sie eine Schatztruhe.Und wie sie sie so betrachtete, da kamen plötzlich von überall her lauter kleine Trolle und Wichtel und fragten sie:”Was machst du hier?” “Das weiß ich nicht”, anwortete sie. “Wie bist du hierher gekommen”, wollten sie wissen. “Ich habe mich verlaufen”, erwiderte sie. “Ach, verlaufen hast du dich. Du dürftest eigentlich gar nicht hier sein. Das ist ein geheimer Raum. Du willst bestimmt den Schatz rauben”, sagten sie. “Nein, der interessiert mich überhaupt nicht”, antwortete sie. Da sagten sie:”Das glauben wir dir aber nicht.” “Lasst mich in Ruhe”, sagte sie schließlich. Sie hatte keine Angst vor ihnen. Die ganze Zeit über benahmen sich die Trolle und Wichtel albern und übermütig. Sie zogen Eline an den Haaren, hüpften überall herum und trieben Unfug. “Ein hübsches Kleid hast du da an”, sagte einer der Wichtel und dann zupften die Wichtel und Trolle an dem Kleid und zogen weiter an den Haaren.

Da erschien plötzlich aus dem grünlichen Wasser, wo die Schatztruhe lag, ein großes Ungeheuer aus der Tiefe, eine Seeschlange. Sie verschlang die Kleine und tauchte wieder ab. Nachdem sie schon ein gutes Stück unter Wasser zurückgelegt hatte, musste die Seeschlange sich übergeben und spuckte das Mädchen wieder aus. Eline fand sich nun auf offener See wieder.

Ein großer bunt schillernder Fisch kam gerade vorbei geschwommen. Eline hielt sich an seiner Flosse fest. Aber der Fisch sagte:”Setze dich auf mich drauf. Ich bin ein fliegender Fisch. Ich werde dich an Land bringen.” Mal tauchte er unter, mal flog er. Sie musste sich gut festhalten. Und da brachte der Fisch Eline zu einer Bucht, die mit schwarzen Felsen umsäumt war. Da ließ er sie runter. Sie musste nur noch ein kleines Stück an Land schwimmen und erreichte den schwarzen Sand. “Puh”, sagte sie.”Was war das denn bloß?” Und da kamen sie schon wieder, die Wichtel und Trolle. Sie kamen aus geheimen Gängen in den Felsen hervor. “Tse,tse,tse”, sagten sie.”Ja weißt du denn nicht, wie gefährlich es ist, wenn man auf verborgene geheime Schätze stößt? Du hast großes Glück gehabt, dass du der Schlange schwer im Magen gelegen hast und sie dich wieder ausgespuckt hat. So etwas kann auch nur jemandem passieren, der so dummbatz ist wie du. Ein zweites Mal wird sie dich nicht verschlingen. Für dich ist der Schatz jetzt frei. Du kannst ihn jetzt haben. Und dann nahmen sie sie bei der Hand und führten sie durch geheime Gänge wieder zurück in den Keller, wo die Schatztruhe im grünen Wasser stand.

Und da standen sie auch schon wieder alle vor der Truhe. Eline sah auf das Wasser und da wurde es an einer Stelle ganz klar und gab den Blick auf einen goldenen Schlüssel frei. Eline griff ins Wasser und hob ihn auf. Langsam tastete sie sich zur Truhe vor. Der Schlüssel passte in ihr Schloss. Die Trolle und Wichtel standen neugierig und voller Erwartung um sie herum. Sie schloss auf. Die Scharniere der Truhe knarrten. Und dann die Überraschung. Die Truhe war leer. “Da ist ja gar nichts drin,” sagte Eline. Die Trolle und Wichtel lachten immer wieder: “Ha,ha,ha”, und waren furchtbar albern. Dann sagte einer von ihnen: “Und doch ist die Truhe sehr wertvoll und birgt ein Geheimnis, denn sonst wäre sie nicht so gut bewacht worden.” “Ach was, ihr spinnt ja alle”, sagte die Kleine. “Ich werde die Truhe für meine Großmutter als Wäschetruhe mitnehmen. Könnt ihr mir helfen, sie nach Hause zu tragen?” Die Wichtel und Trolle sahen sich an und kicherten. “Sie will sie als Wäschetruhe benutzen, ha,ha,ha. Natürlich helfen wir dir, sie nach Hause zu tragen.” Und so nahmen sie die Truhe und brachten sie unter lautem Gejohle zu dem Haus, wo Eline und ihre Großmutter wohnten. Die Großmutter staunte nicht schlecht über die seltsamen Kameraden und die Truhe. Sie brachten sie auf den Dachboden. Und da stand sie nun bis der Sommer vorbei war.

In der Winterzeit sollten dort die Sommersachen eingelagert werden. Als es so weit war, ging Eline mit ihrer Großmutter auf den Dachboden. Die kleine Eline ließ ihre Hand über die Schnitzereien der Truhe gleiten und sagte:”Schau doch mal, Großmutter, wie schön die Truhe ist.”Dann hob sie den Deckel an. Er war sehr schwer und glitt ihr aus der Hand. Der Deckel fiel mit einem lauten Knall hernieder. Als sie den Deckel wieder öffneten, da fanden sie in der Truhe einen Umschlag mit einem roten Siegel. Er war in einem Geheimfach im Deckel verborgen gewesen und nun durch die Erschütterung heraus gefallen. Er war schon ganz vergilbt und musste dort schon sehr lange gesteckt haben. Es stand eine Adresse darauf. Es war gar nicht so weit weg. Es war die Anschrift des alten Herrenhauses am Ende des Dorfes.

Eline wollte den Brief selbst überbringen, zog ihren Wintermantel an, setzte ihre rote Wollmütze auf und legte ihren weißen Schal um. Dann machte sie sich auf den Weg. Es war draußen schon dunkel und es hatte geschneit. Aber es war ganz klare reine Luft und die alten Straßenlaternen leuchteten behaglich. Die Kleine kam vor das Haus. Alle Fenster waren hell erleuchtet. Sie betätigte die Türglocke und es öffnete ein alter Herr. Eline überreichte ihm den Brief und erzählte ihm die ganze unglaubliche Geschichte, wie sie überhaupt in seinen Besitz gekommen war.

Der Alte brach das Siegel und las den Brief. Er war von seinem Bruder. Dieser war vor vielen Jahren in See gestochen und seither verschollen. Er schrieb:”Es tobt ein großer Sturm auf See. Wir werden von einer Seeschlange angegriffen. Ich fürchte, wir werden es nicht überleben. Ich habe per Zufall das Geheimnis der alten Truhe, die schon seit Generationen oben auf dem Speicher stand, entdeckt und sie mit an Bord genommen. Ich habe alles aufgeschrieben, wie sie zu handhaben ist und den Brief mit den Aufzeichnungen in einem Geheimfach im Deckel versteckt. Ich hoffe, die Truhe wird eines Tages gefunden und findet den Weg zurück in die Familie.”

Da setzte sich der Alte in seinen großen Ohrensessel und sagte zu Eline:
“Ich bin schon alt und bin der Letzte aus meinem Geschlecht. Jetzt weiß ich endlich, welches Schicksal mein Bruder gefunden hat. Die Ungewissheit ist vorbei. Jetzt werde auch ich Frieden finden. Ich danke dir für die Nachricht. Du hast die Truhe gefunden und so sollst du sie auch behalten. Ich werde dir nun ihr Geheimnis anvertrauen.

“Setze dich auf die Truhe und wünsche dir etwas. Dann öffne sie, tue deinen Wunsch hinein und schließe sie wieder. Zum Schluss streiche mit der Hand dreimal über den Deckel und am nächsten Morgen wird dein Wunsch in Erfüllung gegangen sein.”

Da verabschiedete sich Eline und ging wieder nach Hause. Noch am selben Abend setzte sie sich auf die Truhe und stellte sich vor, dass sie ganz viele Spielkameraden hätte, denen sie lauter spannende Geschichten erzählte und malte sich alles in allen Einzelheiten aus. Dann übergab sie ihren Wunsch der Truhe, strich dreimal mit der Hand über den Deckel und legte sich schlafen. Und ,oh Wunder, am nächsten Morgen da hörte sie lautes Kinderlachen und Rufen draußen auf der Straße . Ja, und da war im Hause nebenan eine Familie mit acht fröhlichen Kindern eingezogen. Sie freundeten sich schnell an und sie wurden alle ihre Spielkameraden. Und sie erzählte ihnen jeden Tag Geschichten. Dazu suchte sie jeden Abend ihre Truhe auf und bat um eine Geschichte. In der Nacht hatte sie dann einen lebhaften Traum, in dem sie die tollsten Abenteuer erlebte, die sie dann am nächsten Tag erzählen konnte.

Und im Sommer, da saßen sie alle in der Lauben-Kolonie inmitten der blühenden duftenden Rosen und hörten ihr zu. Und auch der kleine Papierdrache war da und schaute mit seinen lustigen Augen zu und sein Schweif flatterte fürwitzig im Wind. So waren alle guter Dinge und freuten sich.

Das ist nun schon viele Jahre her. Und eines Tages landete Elines Wundertruhe über lauter Umwege im Altonaer Museum und ihr besonderes Geheimnis war schon lange in Vergessenheit geraten.

Ach, es gibt noch viele seltsame Dinge im Museum, die in verborgenen Kammern und Nebengelassen lagern, die selten eines Menschen Fuß betritt.

Ja, wie gesagt, all diese Schätze des Museums zu bewachen, ist Aufgabe des Drachens und des Lindwurms. Die Schätze wurden bislang immer sehr geachtet und mehrten sich sogar. Alle waren stets bemüht, sie der Nachwelt zu erhalten. So hatten der Drache und der Lindwurm lange nichts mehr zu tun, schliefen ein und wurden allmählich zu Stein.

Und dann kommt jener denkwürdige Tag im September 2010, an dem der König und die Vizekönigin grausame Sparbeschlüsse fassen und den Bücherhallen und dem Schauspielhaus drastisch die Mittel kürzen und das Altonaer Museum gar mit einer Schließung bedenken. Zur Umsetzung ihrer Beschlüsse schicken sie ihren Kulturfresser los.

Diese Nachricht hallt wie ein Donner durch das Altonaer Museum. Der Himmel des Wolkentheaters verfinstert sich, die Schiffsmodelle schaukeln wie auf hoher See und funken SOS, die ausgestopften Mäuse im Schaukasten in der oberen Etage verkriechen sich vor Schreck in ihren Mauselöchern, die Galionsfiguren werden durcheinander gerüttelt, die Altonia wankt auf ihrem Schiff und der Klabautermann, der es sich in der Kajüte des Fischewers “Maria” gemütlich gemacht hatte, wird dabei beobachtet, wie er seinen Seesack packt. Das ist ein böses Omen. Denn wenn der Klabautermann das Schiff verlässt, muss es untergehen. Oweh, was nun?

Um Mitternacht hält der Museumsdirektor mit den Galionsfiguren einen großen Rat ab. Die Altonia steigt aus ihrem Bilderrahmen und gesellt sich dazu. Lange wird getagt und hin und her überlegt, wie das Museum gerettet werden kann. Dann erinnert sich eine der Galionsfiguren an Elines Wundertruhe und dass man da einen Wunsch hinein geben kann. Wie genau das geht, steht in der Gebrauchsanweisung, die irgendwo im Museum sich befinden muss. Und tatsächlich, fein säuberlich abgeheftet findet sie sich in einem alten Ordner an. Sogleich setzt sich der Direktor auf die Truhe, übergibt seinen Wunsch nach Rettung des Museums der Truhe, streicht dreimal mit der Hand über den Deckel und legt sich schlafen. Dann hat er einen lebhaften Traum. Darin erscheint ihm der große Zauberer Hinnericus Bodendiecus, der in Windeseile die Menschen auf Leinwand bannen kann und der ein wertvolles Elixier erfunden hat. Nur einige Tropfen davon genügen und aus alt wird augenblicklich wieder jung. Er verrät dem Museumsdirektor, dass sein Elixier wohl auch den Drachen und den Lindwurm wieder zum Leben erwecken könne, damit sie ihre Aufgabe, das Museum und seine Schätze zu schützen und zu verteidigen wieder wahrnehmen können. Dazu müsse die Mixtur aber etwas abgewandelt werden. Es müssten noch zwei Zauberkräuter beschafft werden. Das eine sei im Kräutergarten des Museums zu finden und müsse dort bei Neumond gepflückt werden. Das sei sicher keine Hürde. An das andere sei schon etwas schwieriger heranzukommen. Mit einem Kahn, der aus einem Stück gefertigt ist, müsse man bei Vollmond nach Teufelsbrück segeln und in dem nahe gelegenen Sumpfgebiet nach einer Pflanze suchen, deren Blüte wie ein kleiner Lampion geformt sei und eine bestimmte Zeichnung aufweise.

Das Zauberkraut im museumseigenen Kräutergarten ist schnell gefunden. Und auch mit dem erforderlichen Kahn kann das Museum selbst aufwarten. Es stellt seinen aus einem einzigen Baum hergestellten Ellerbeker Kahn mit den rostroten Segeln für die nächtliche Fahrt zur Verfügung. Es finden sich eine mutige Frau und zwei mutige Männer, die in der nächsten Vollmondnacht nach Teufelsbrück segeln und sich auf die Suche nach der gewünschten Blume begeben. Die Eule, die in dem hohlen Baum am Moor wohnt , begrüßt die Drei mit ihrem schaurigen Rufen und weist ihnen den Weg. Da endlich, wo sich die Kröte häuslich niedergelassen hat, stoßen sie auf eine kleine Ansammlung von Blumen, deren Blüten wie Lampions leuchten. Jetzt gilt es noch, die mit der richtigen Zeichnung zu finden. Und tatsächlich, da ist eine einzige, deren Lampion noch etwas heller leuchtet. Und sind da nicht auch ein paar Buchstaben drauf? Ja, ganz genau. Da steht:”Wir sind das ALTONAER MUSEUM.” Das ist die richtige Blume. Vorsichtig wird sie gepflückt und behutsam zum Boot getragen, dass sie auch ja nicht beschädigt werde oder verloren ginge. Und schon geht es mit dem Kahn zurück zum Museum. Dort wartet schon der Direktor. Er nimmt die Blume dankend entgegen und trägt sie zum großen Zauberer. Der macht sich sofort ans Werk. Nach einer Stunde kommt er aus seiner Kammer, die nur er betreten darf, wieder heraus und übergibt dem Direktor ein kleines Fläschchen des Elixiers mit der eigenen Note für das Museum. Der Direktor kann es kaum erwarten, dem Drachen und dem Lindwurm das Wundermittel ein zuflößen. Eins , zwei, drei Tropfen in den Rachen und schon weicht der steinerne Panzer. Noch ein paar Tropfen hinterher und Drache und Lindwurm erwachen aus ihrem Schlaf, erheben sich und ziehen wutschnaubend durch die Straßen und fauchen fortwährend:”Altonaer Museum bleibt! Altonaer Museum bleibt! Altonaer Museum bleibt!” Ihnen folgen protestierende Menschen, die jeden Samstag die Altonia durch die Straßen von Ottensen tragen und dazu ihre Hymne singen. Der Proteststurm breitet sich im ganzen Land aus und fegt den König von seinem Thron. Er verschwindet in der Versenkung und ward nie wieder gesehen. Die Vizekönigin leistet aufrichtige Abbitte.

Das Altonaer Museum ist jetzt berühmt.

Einvernehmlich reinigen der Direktor und die Altoniaträger jetzt das Museum, natürlich unter Hinzufügung einiger Tropfen des Elixiers des Zauberers, damit es sich verjüngt und in neuem Glanz erstrahlt. Der Rest von dem Elixier wird in einem kostbaren Kristallflacon mit Facettenschliff und floraler Silbereinfassung in einem Geheimfach der Raths-Apotheke im Museum verwahrt. Der Klabautermann macht es sich wieder in der Kajüte der “Maria” gemütlich und Drache und Lindwurm lassen sich wieder vor dem Museum nieder. Sie haben sich vorgenommen für die nächsten hundert Jahre etwas wachsamer zu sein und der aufmerksame Spaziergänger, dessen Weg am Museum vorbeiführt, kann sie dabei beobachten, wie sie hin und wieder ein Auge aufmachen. Und wenn man einen Wunsch hat, dann geht man in die Eingangshalle. Dort steht ja Elines Wundertruhe, wirft etwas Geld hinein und murmelt leise seinen Wunsch und darf darauf hoffen, dass er in Erfüllung geht.

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