Vor die Tür geschickt

Bericht über einen denkwürdigen Termin im Altonaer Museum
Am 22. August, gab es mal wieder ein Treffen mit Torkild Hinrichsen im Altonaer Museum, um die Anti-AKW- Ausstellung vorzubereiten. Wir waren einigermaßen gespannt, was es seitens des Museums neues zu berichten gibt, nachdem Torkild mit seiner Idee, die Haupthäuser der Stiftung in die Ausstellungsvorbereitung durch Konstituierung eines wissenschaftlichen Beirats einzubinden, wohl über erste Erfahrungen verfügte.
Nachdem Torkild Hinrichsen in den letzten beiden gemeinsamen Sitzungen davon gesprochen hatte, dass „unsere Ausstellung“ kulturgeschichtlich genau in das Altonaer Museum gehörte, waren wir gespannt, wie weit seine Argumentation gegenüber den anderen Mitgliedern der Stiftung getragen haben mochte.
Es kam anders, als wir dachten. Nicht nur, dass – unangekündigt – an dem Treffen außer Herrn Hinrichsen auch noch Frau Hirsch, Herr Jodat, Frau Richenberger und Frau Tiedemann- Bischop teilnahmen, sie alle hatten uns auch etwas mitzuteilen. Und so bestand die Sitzung diesmal nur aus Statements, warum die Ausstellung nicht im Altonaer Museum stattfinden kann.
Ohne sich auf eines unserer Argumente zu beziehen, in völliger Negation unserer Motivlage und unter Ausblendung der veränderten politischen Gegebenheiten, deren bedeutendstes Ergebnis der Allparteienkonsens über den notwendigen Ausstieg aus der Atomkraft ist, wurde mit dem Ausdruck größten Bedauerns erläutert, warum die von uns gemeinsam mit dem Direktor des Altonaer Museums vorbereitete Ausstellung nicht in das von Herrn
Hinrichsen verantwortete Museum passt:
Es gäbe keinen Bezug zu den Sammlungen des Altonaer Museums.
Die Ausstellung wolle einseitig gegen Atomkraft sein und somit langweilig, weil politisch eindimensional und von den Ausstellungsobjekten her zweidimensional, also flach. Flachware. Und zu textlastig.
Sie erfülle nicht die notwendigen wissenschaftlichen Ansprüche, erschließe nicht relvante wissenschaftliche Fraagestellungen und obendrein sei ein kulturgeschichtliches Museum für dieses Thema der falsche Ort.
Auch sei nicht geplant, die Standpunkte der AKW-Befürworter in der Ausstellung zu Worte kommen zu lassen.
Die Fokussierung der Ausstellung über den 28. Februar 1981 als Höhepunkt der Demonstrationen gegen das AKW Brokdorf entspräche nicht der gängigen Methodik kulturgeschichtlicher Ausstellungen. Es fehlten Fragen der politischen Ökologie, warum eine Frage der Energiegewinnung zum politischen Thema werden konnte. Ein Kontextualisierung mit anderen Technikeinführungen wie der Dampfkraft und daraus resultierend neuer Verkehrssysteme sowie eine Einordnung in die geistesgeschichtliche Tradition der TECHNIKFEINDLICHKEIT werde vermisst.
So weit die vorgetragene Kritik an unserer Konzeptidee.
Da wir aber ja so an dem Thema „hingen“, hat Frau Tiedemann – Bischop sich der Mühe unterzogen und für uns in der norddeutschen Tiefebene
rund um Brokdorf nach Museen Ausschau gehalten, die sie womöglich offen für eine Ausstellung zum Thema der Anti-AKW-Bewegung in Norddeutschland hält.
Damit war die Runde abgeschlossen. Wir hatten untereinander einen Konsens hergestellt, inhaltlich nichts vorzutragen, sondern äußerten nur dies: dass wir die interessanten Ausführungen zur Kenntnis genommen und diese getreulich der BI berichten würden. Dann sind wir gegangen.
Müßig darauf hinzuweisen, dass wir keine Ausstellung planen, die den wissenschaftlichen Anforderungen aus museologischer Sicht nicht entsprechen. Auch Einseitigkeit ist unsere Absicht nicht, schon weil wir auf die O-Töne aus dem Lager des Atomforums nur ungern verzichten werden. Und: Die Vorstellung der Museums-Crew einer ausschließlich auf Flachware basierten Ausstellung ist eine Karikatur unserer Vorstellungen: Sie war konstruiert worden, da wir eine kleine Auswahl aus der „Krögerschen Sammlung“ von Plakaten und Flugschriften präsentiert hatten. Von diesen ersten Exponaten darf man selbstverstädndlich nicht aufs Ganze schließen – von ersten vorhandenen Exponaten baut man bekanntlich Ausstellungskonzepte auf.
Zudem liegt uns bereits eine Zusage einer Ausstellungsgestalterin vor, die bekannt ist für ihre hervorragende Fähigkeit, Exponate jeglicher Art in eine argumentierende Ausstellungsarchitektur zu bringen. Davon haben wir T. Hinrichsen bereits vor 1 Monat in Kenntnis gesetzt.
Fazit: Wir hatten von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Das Altonaer Museum nicht. Es war Torkild
Hinrichsen, der davon sprach, dass unsere drei Seiten umfassende Konzeptskizze für den momentanen Planungsstand völlig ausreichend sei und er mit uns gemeinsam durchsetzen möchte, dass „unsere Ausstellung“ im Altonaer Museum gezeigt werden kann.
Und: Wir hatten mit Widerstand aus der Stiftung gerechnet und mit keiner großen Unterstützung aus dem Kreis der MitarbeiterInnen des Altonaer Museums. Niemals aber wäre uns der Gedanke gekommen, dass uns ein Schauspiel, wie das heute inszenierte geboten werden würde.
Das ist menschlich sehr enttäuschend und es ist vor allem eine Beleidigung unserer Intelligenz und unseres Know- hows. Man hat uns „besprochen“, als könnten wir nicht bis zwei zählen. So etwas, finden wir, macht man nicht und mit Leuten, zumal mit Menschen, die Kreativität, Kraft und Können in das Rettungsprojekt Altonaer Museum gesteckt haben. Kann man nach einem solchen Affront überhaupt noch weiter mit jenen kooperieren, von denen der Affront ausging?
Auch wenn wir die Ausstellung primär zu Steigerung der Attraktivität des Museums konzipiert hatten, sollten wir nicht auf die Ausstellungsidee verzichten, nur weil das Altonaer Museum momentan nicht will. Das meinen wir aus der „Ausstellungs- Vorkämpfergruppe“.
Dies werden wir auf unserem BI-Treff am 1. September besprechen. Und auch diskutieren über eine Neubestimmung in Hinblick auf die Realisierung unserer Ausstellungsidee.

Aram Ockert, für die TeilnehmerInnen der BI

Anbei findet sich das Protokoll des Museums über die hier geschilderte Sitzung.

Protokoll
Termin: Montag, der 22.08.2011, 14 bis 14.30 Uhr
Thema: Realisierung einer Ausstellung „Monumente der Anti-AKW-Bewegung in Norddeutschland“ (an das Altonaer Museum herangetragen aus dem Kreis der Bürgerinitiative „Altonaer Museum bleibt“)
Vorbemerkung: Die Ausstellungsidee ist im April 2011 an das Altonaer Museum herangetragen worden, es hat ab Mai 2011 mehrere Treffen zwischen der Museumsleitung und den Beteiligten aus der Bürgerinitiative gegeben mit dem Ziel, aus einer Gedankenskizze ein tragfähiges Konzept zu erarbeiten. In der Zwischenzeit hat die Museumsleitung die Ausstellungsidee intern und extern diskutiert, um die Entscheidungsfindung voranzutreiben. Dieser Prozess ist mittlerweile abgeschlossen. Die Ergebnisse wurden den Vertretern der Bürgerinitiative am 22.08.11 mitgeteilt.
Teilnehmer: Dieter und Antje Kröger, Aram Ockert, Sven Reumann (Bürgerinitiative „Altonaer Museum bleibt“)
Prof. Dr. Torkild Hinrichsen, Dr. Vanessa Hirsch, Burkhard Jodat, Ursula Richenberger, Dr. Nicole Tiedemann-Bischop (Altonaer Museum)
Ursula Richenberger eröffnet die Sitzung, begrüßt die Teilnehmer und erläutert, dass die Leitung des Altonaer Museums den internen und externen Diskussionsprozess hinsichtlich der Realisierbarkeit einer Ausstellung über die Anti-AKW-Bewegung mittlerweile abgeschlossen habe und dass nun die Ergebnisse kommuniziert werden sollen. Um ein möglichst breites Spektrum der Positionen innerhalb des Museums abzubilden, nehmen an dem Treffen Burkhard Jodat als Sammlungsverwalter, sowie Vanessa Hirsch und Nicole Tiedemann-Bischop als Vertreter der Wissenschaftler teil. Sie selbst werde
das Treffen moderieren.
Burkhard Jodat dankt den Mitgliedern der Bürgerinitiative für Ihr Engagement im Kampf für den Erhalt des Altonaer Museums und referiert die Einschätzung der Mitarbeiterschaft:
▀ Es wird kein Bezug zu den Sammlungen des Altonaer Museums gesehen. ▀ Die Text-Lastigkeit der Exponate steht einer publikumswirksamen Ausstellung entgegen,
da Museumsbesucher ungern lange Texte lesen. ▀ Die personelle Überschneidung zwischen der politischen Unterstützung im Kampf für
den Museumserhalt und der Realisierung einer Ausstellungsidee macht eine Entscheidung für das Altonaer Museum aus moralischen Gründen schwierig. Dennoch muss die inhaltliche Einschätzung des Projekts über der Verpflichtung gegenüber der Bürgerinitiative stehen.
▀ Die Ausstellung scheint sehr einseitig politisch aus der Sicht der Atomkraftgegner zu werden und kann daher zu öffentlicher Kritik am Altonaer Museum führen.
Prof. Hinrichsen berichtet, dass das sehr vielschichtige Thema zu einer Zeit, in der die Profilbildung der Häuser der Stiftung Historische Museen Hamburg noch nicht abgeschlossen sei, ausgesprochen schwer in Einklang mit dem Auftrag des Altonaer Museums zu bringen sei. Im Übrigen sei ein kulturgeschichtliches Museum für ein derart dynamisches und hochdiskutables Thema nicht der richtige Ort.

Vanessa Hirsch trägt eine wissenschaftliche Einschätzung der Ausstellungsidee vor:
▀ Die Debatte pro oder contra Atomkraft ist bis heute Thema der Tagespolitik. Wie genau will sich die Ausstellung in dieser Debatte verorten? Im vorliegenden Konzeptpapier ist die Rede davon, dass im Wesentlichen die privaten Archive ehemaliger Anti-AKW- Aktivisten als grundlegendes Quellenmaterial herangezogen werden sollen. In welcher Form werden die Standpunkte der AKW-Befürworter in der Ausstellung repräsentiert sein?
▀ Als Institut in öffentlicher Trägerschaft muss sich das Altonaer Museum in tagespolitischen Fragen neutral verhalten – auf jeden Fall müssen beide Seiten angemessen vertreten sein. Das Altonaer Museum ist auf keinen Fall Beitragender zur Debatte für oder gegen die Atomkraft. Eine Ausstellung mit tagespolitischer Aussage muss an einem Ort stattfinden, der für eine politische Debatte auch geeignet ist.
▀ Nach Konzeptstand Mai 2011 liegt der Fokus der Ausstellung auf dem 28. Februar 1981 als Kulminationspunkt der Demonstrationen gegen das AKW Brokdorf: „Der Blick der Ausstellung führt von heute aus auf dieses Symbol und auf seine Problemfelder und Ursachen“. Dies entspricht nicht der gängigen Methodik kulturgeschichtlicher Ausstellungen. Eine „Museumsausstellung“ würde fragen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass die Atomkraft zu einem politischen Thema wurde. Sie würde außerdem fragen, welche vergleichbaren Phänomene bei der Einführung einer neuen Technik sich in der norddeutschen Kulturgeschichte finden lassen, z.B. bei der Einführung der Eisenbahn oder der Dampfkraft. Außerdem wäre das Phänomen in eine geistesgeschichtliche Tradition der Technikfeindlichkeit einzuordnen, z.B. Strömungen der Heimatschutzbewegung und des Jugendstils um 1900 bzw. deren Vorläufer in der deutschen Romantik. Eine weitere Fragestellung würde vergleichbare Phänomene des „Protestes von unten“ in der norddeutschen Geschichte (von Hungermärschen über Streiks bis zur Studentenbewegung) berücksichtigen. Abschließend würde der „Kampf gegen Brokdorf“ und seine Ergebnisse als kulturgeschichtliches Phänomen bewertet werden.
▀ Nach bisherigem Kenntnisstand stellen Flugblätter, Korrespondenzen und Plakate den Großteil der Exponate. Erfahrungsgemäß ist sog. „Flachware“ schwer zu inszenieren. Die Ausstellung besteht zu weiten Teilen aus sog. „Textexponaten“ – schwierig in einer Zeit, in der das Publikum in Ausstellungen ungern liest. Es ist unklar, welche dreidimensionalen Objekte gezeigt werden sollen, ebenso ungeklärt ist die Frage, mit welchen Objekten die Stimmen der „AKW-Befürworter“ vertreten sein könnten.
Nicole Tiedemann -Bischop berichtet, dass man dennoch intern Recherchen angestellt habe, an welchen alternativen Orten die Ausstellung gezeigt werden könnte. Sie habe bereits erste Gespräche mit einigen der genannten Institutionen geführt. Stets sei betont worden, politische Neutralität sei unabdingbare Voraussetzung einer Realisierung.
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Burkhard Jodat berichtet von der derzeit im Volkskundemuseum Schleswig gezeigten Ausstellung „Krawall“, die ein breites Spektrum des „Protestes von unten“ vorstelle und auch die Demonstrationen vor Brokdorf aufgreife anhand der Frage, in welcher Form Gewalt im Zusammenhang mit politischem Protest eingesetzt werden dürfe, sei es von Seiten des Staates oder sei es von Seiten der Demonstranten. Das Spektrum der Ausstellung reiche von Hungermärschen in Husum um 1850 bis hin zur aktuellen Diskussion um Gewalt in Fußballstadien. Inhaltlich ähnele die Ausstellung stark der von Vanessa Hirsch vorgetragenen möglichen Gliederung für eine wissenschaftlich fundierte Anti-AKW-Ausstellung.
Aram Ockert nimmt diese Rückmeldung von Seiten des Altonaer Museums zur Kenntnis und wird dem Plenum der Bürgerinitiative „Altonaer Museum bleibt“ davon berichten. Welche Schritte dann als nächstes geplant seien, würde dort besprochen.

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