Wir „Wutbürger“ und ein Philosophieprofessor aus Kiel. Eine Kontroverse


Im Disput:
Ralf Konersmann (Uni Kiel) und Aram Ockert (BI Altonaer Museum bleibt!)

Die Widerspenstigkeit der Wutbürger
Ralf Konersmann

Die Stimmung im Land hat sich gedreht. Der Schnelldurchlauf durch die Jahre der Republik macht das Ausmaß der Veränderung, deren Zeugen wir heute sind, schlagend deutlich: Nach einer im Rückblick erstaunlich kurzen Phase des Wegsehens und der kollektiven Anästhesie setzte vor rund 50 Jahren eine Phase des Hinsehens und der moralischen Aufmerksamkeit ein, eine Phase der Kritik. Nachdem sie eben noch als Miesmacherei und Nestbeschmutzung geschmäht worden war, nahm nun jedermann für sich in Anspruch, kritisch zu sein. Die Republik demokratisierte sich von unten, Kritik wurde selbstverständlich.

Inzwischen ist diese Wertschätzung verblasst oder genauer: Die Kritik hat sich verändert, sie ist dem Ärger, dem Unwillen und der Wut immer ähnlicher geworden. Wir leben in Tagen des Zorns.

Die neue Renitenz der “Wutbürger” hat ihre eigene Sprache, ihre eigene Symbolik und Dramaturgie. Auf der Bühne des wutbürgerlichen Weltbildes herrscht eine klare Hierarchie zwischen “denen da oben” und den Gerechten hier unten, die nicht die Macht, dafür aber die Moral auf ihrer Seite wissen. Diese neue, postkritische Wut ist der Fanatismus der Saturierten. Sie fühlen sich gekränkt, wollen sich nun nichts mehr bieten lassen und proben aus einem tiefen, jäh sich Bahn brechenden Groll heraus den Aufstand.

Die Frage ist also nicht und gerade nicht, ob die Wut im Recht ist oder ob ihr Widerstand gegen Atommeiler, bauliche Gigantomanie und Sparpolitik begründet ist. Das Problem besteht vielmehr darin, dass die Wut eine Einstellung vorgibt, die denjenigen, der sie teilt, immer schon und unter allen Umständen ins Recht gesetzt hat.

Auf seiner eigenen Bühne ist der Wütende, und nur er allein, im Besitz der Wahrheit, der Ausschluss selbst des leisesten Zweifels ist garantiert. Im Gegenzug bringt die Wut den Abstand zwischen ihm und den großen Problemen der Welt da draußen zum Verschwinden und gestattet es ihm, unmittelbar und zu seinen Bedingungen an ihnen teilzuhaben. Die jüngsten Berichte aus Japan, die über das Leid der Menschen schnell hinweg waren, um die Atomangst des deutschen Zuschauers bedienen zu können, sind Spiegelbilder dieser Einstellung und ihrer spießbürgerlichen Egozentrik. Fast schien es, als seien diejenigen die wahren Opfer, die hierzulande, weit weg von den Ereignissen, den allabendlichen “Brennpunkt” verfolgten. Dass hier, auf der anderen Seite des Globus, Geigerzähler zum Verkaufshit wurden, zeigt das ganze Ausmaß der Verwirrung.

Kritik ist anders. Sie ist eine Sache der Distanz und bezweifelt, gleichsam von Amts wegen, dass die Angst eine gute Ratgeberin sei. Kritik fordert einen kühlen Kopf, sie verlangt Sachverstand, Gesprächsbereitschaft, Urteilskraft. Gewiss verfehlte auch die Kritik, und zumal die attitüdenhafte Kritik der Achtundsechziger, regelmäßig ihren Anspruch. Was jedoch jetzt an ihre Stelle zu treten droht, ist keine Alternative, sondern der Inbegriff dieser Verfehlungen. Die öffentliche Wut ist rechthaberisch, starrsinnig, selbstgerecht, hysterisch.

Als Kulturphänomen betrachtet, ist die neue Renitenz dennoch aufschlussreich. Sie gibt uns zu verstehen, dass ein bestimmter Typus der Kritik, der Typus der Bescheidwisserei und der intellektuellen Arroganz, sich überlebt hat. In einem himmelblauen, hunderttausendfach verkauften, doch offenbar kaum gelesenen Büchlein hat jetzt der französische Publizist Stéphane Hessel auf die mentalen Verschiebungen, die sich so und ähnlich in ganz Westeuropa beobachten lassen, reagiert. Hessel spricht von Empörung, und diese “indignation” ist etwas ganz anderes als die Renitenz der Wutbürger.

Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sich die Empörung nicht als persönliche Betroffenheit inszenieren muss. Sie ist frei, sie ist egalitär, sie bleibt offen für politisches Augenmaß und wählt ihre Anlässe selbst. Während die Wut immer nur um denjenigen kreist, der sich ihr hingibt, bleibt die Empörung an die Sache selbst gebunden und hat nichts zu fürchten – es sei denn die Lethargie. Die Empörung, und nicht die Wut, ist die legitime Erbin der Kritik.

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Die Gespreiztheit des Philosophen Konersmann und die Widerspenstigkeit der Wutbürger
Aram Ockert

Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert , es kommt aber darauf an, sie zu verändern, sagt Karl Marx in seiner 11. und letzten These zu Feuerbach.

Konersmann, Philosoph und Professor aus Kiel kommt da aus entgegengesetzter Richtung um die Ecke, er will, dass auch niemand anderes die Welt verändert, vor allem nicht der Wutbürger, dem er den „Fanatismus der Saturierten“ zuschreibt.

Ist schon der „Wutbürger“ eine Kunstfigur des Feuilletons, so ist die Beschäftigung des Professors aus Kiel noch artifizieller als der Begriff selbst.

Worum geht es? Ihm missfällt, dass die Kritik eine individuelle Dimension hat, dass der Bürger sich „verarscht“ fühlt und Wut generiert, statt empört zu sein. Er singt das hohe Lied der Kritik aber doch nur als distanzierte Betrachtung der Welt: „Kritik ist anders. Sie ist eine Sache der Distanz und bezweifelt, gleichsam von Amts wegen, dass die Angst eine gute Ratgeberin sei. Kritik fordert einen kühlen Kopf, sie verlangt Sachverstand, Gesprächsbereitschaft, Urteilskraft. Gewiss verfehlte auch die Kritik, und zumal die attitüdenhafte Kritik der Achtundsechziger, regelmäßig ihren Anspruch. Was jedoch jetzt an ihre Stelle zu treten droht, ist keine Alternative, sondern der Inbegriff dieser Verfehlungen. Die öffentliche Wut ist rechthaberisch, starrsinnig, selbstgerecht, hysterisch“.
Um sich nicht mit dem Inhalt der kleinen Schrift von Stéphane Hessel „Empört Euch!“ auseinandersetzen zu müssen, behauptet er kurzerhand, die Schrift sei offenbar kaum gelesen und Hessels Empörung sei das Gegenteil der Bürgerwut: „Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sich die Empörung nicht als persönliche Betroffenheit inszenieren muss. Sie ist frei, sie ist egalitär, sie bleibt offen für politisches Augenmaß und wählt ihre Anlässe selbst. Während die Wut immer nur um denjenigen kreist, der sich ihr hingibt, bleibt die Empörung an die Sache selbst gebunden und hat nichts zu fürchten – es sei denn die Lethargie“.

Was für ein Aufwand, um den Umstand zu vertuschen, dass die Wahrnehmung der Menschen, dass ihre Interessen, im Zweifel denen der großen Kapital- und Geldbesitzer untergeordnet sind, nicht nur einem dummen Gefühl des Pöbels entsprechen, sondern schlicht Erfahrungswissen geworden sind.

Mussten die viel gescholtenen Achtundsechziger noch aus dem marxschen Wertgesetz und der theoretischen Bestimmung des Staates als ideellen Gesamtkapitalisten, ableiten, dass Staat und Politik eben nicht neutral sind, wie es behauptet wird, so vergeht heute keine Woche, in der „die Politik“ nicht den Beweis lieferte, dass es genau so ist.

Bei Bürgern, die sich der Verwandlung des Sozialstaates in eine Transferveranstaltung zugunsten der Stärksten verweigern und diese Politik als zutiefst ungerecht empfinden, entsteht die persönliche Betroffenheit wie von selbst, schon weil Arbeitslosigkeit mittlerweile mit der Aussicht verbunden ist, innerhalb eines Jahres in den Status des „Sozialhilfeempfängers“ zu rutschen und Arbeitslosigkeit heutzutage fast jeden betreffen kann auch wenn es nicht jeden trifft.

Trotzdem fehlt den Wütenden, denjenigen also die sich empören keineswegs das politische Augenmaß. Das unterscheidet sie von den Knechten der wirtschaftlichen Starken. Sie haben längst jedes Maß verloren, wie der sog. „Euro-Rettungsschirm“, die Laufzeitenverlängerung für Atomkraftwerke oder, um etwas ganz Kleines zu erwähnen, die Hochsetzung der Grenzwerte für radioaktiv belastete Lebensmittel per Eilverordnung durch die EU (297/2011 vom 27.03.2011) beweisen.

Konersmann irrt, wenn er glaubt die kritischen und wütenden Menschen gäben sich ihrer Wut hin und kreisten um sich selbst. Im Gegensatz zu ihm haben sie ein politisches Ziel, dass sich von seinem Job im akademischen Narrenzug zur Begleitung der herrschenden Politik dadurch unterscheidet, dass sie die Gesellschaft verändern möchten. Ob dies gelingt ist nicht gewiss aber sie versuchen etwas und das mit Leidenschaft. Etwas, dass Konersmann offenbar Angst bereitet.

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Eine Antwort auf Wir „Wutbürger“ und ein Philosophieprofessor aus Kiel. Eine Kontroverse

  1. michael bürger sagt:

    Wir rufen deshalb auf: „zu einem friedlichen Aufstand gegen den Missbrauch der Massenkommunikationsmittel und der Verführung unserer Jugend zum Massenkonsum, der Verachtung der Schwächsten und der Kultur, der kollektiven Amnesie sowie der maßlosen Konkurrenz – Jeder gegen Jeden“.
    Allen Menschen, die das XXI. Jahrhundert gestalten werden, sagen wir mit unserer ganzen Zuneigung:„SCHÖPFUNG IST WIDERSTAND.WIDERSTAND IST SCHÖPFUNG.

    INDIGNEZ-VOUS! (Empört Euch), Stephane Hessel

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