FAQ

Fragen und Antworten

Altona ist ein Stadtteil von Hamburg. Ist das Altonaer Museum also ein Stadtteilmuseum?
Ja und nein. Natürlich steht es in Altona (Lokalpatrioten könnten einwenden: Es steht wenige Meter weit im Altonaer Ortsteil Ottensen), und es ist ein prägender Ort für die Kultur dieses Bezirks. Aber Altona war bis zu seiner Eingemeindung nach Hamburg 1938 eine selbstständige Großstadt, und so ist das Museum auch als anspruchsvolles städtisches Universalmuseum gegründet worden. Außer mit der Geschichte Altonas befasst es sich unter anderem mit der ländlichen Kultur ganz Norddeutschlands, mit Seefahrt und Fischfang, mit historischem Spielzeug und optischen Medien; außerdem besitzt es eine stattliche Gemäldesammlung mit dem Schwerpunkt auf norddeutscher Landschaftsmalerei. Auch die Ausstellungsfläche von rund 7300 Quadratmetern geht weit über die üblichen Maße eines Stadtteilmuseums hinaus. Die Berliner Richard-Schöne-Gesellschaft für Museumsgeschichte stellt das Altonaer Museum in eine Reihe mit Institutionen wie dem Märkischen Museum in Berlin, dem Kulturhistorischen Museum in Magdeburg, dem Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover oder dem Hessischen Landesmuseum in Kassel.

Das Museum soll 147 Jahre alt sein. So sieht das Gebäude aber gar nicht aus.
Als Institution gibt es das Altonaer Museum tatsächlich seit dem Jahr 1863; damals wurde es von einer privaten Gesellschaft Altonaer Bürger an der Palmaille gegründet. Bei der Umgestaltung des Stadtzentrums bekam es 1901 einen Neubau am heutigen Ort, als Teil eines repräsentativen Platzensembles mit dem Rathaus und dem 1976 abgebrochenen Bahnhof. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude schwer zerstört und verlor auch einen Großteil seiner prächtigen Fassade. Seit dem Wiederaufbau fügt es sich vergleichsweise bescheiden in die Straßenfront ein, doch wer mit offenen Augen durchs Haus geht, findet vor allem im Untergeschoss und in den hinteren Trakten noch viele Reste des historistischen Bauschmucks (Kapitelle, Treppengeländer, Türrahmungen…).

Es heißt, das Museum habe 70 angestellte und 230 ehrenamtliche Mitarbeiter. Braucht man wirklich all diese Leute?
Klare Antwort: Ja. Die Arbeit eines Museums beschränkt sich eben nicht darauf, Bilder an die Wände zu hängen, Objekte in Vitrinen zu stellen, das alles zu bewachen und es gelegentlich abzustauben. Die Sammlungen müssen instandgehalten und restauriert, inventarisiert und wissenschaftlich erschlossen werden – jede Zeit stellt aus gutem Grund andere Fragen an die Objekte. Sie werden fotografisch dokumentiert, innerhalb der ständigen Präsentation oder zu Wechselausstellungen neu geordnet, an auswärtige Museen verliehen und in Katalogen erläutert. Außerdem gilt es unter anderem, die Besucher zu betreuen und zu führen, das Gebäude instand zu halten und eine Unmenge an Verwaltungsarbeit zu erledigen.

Keine andere Stadt, hieß es in der Diskussion des vergangenen Herbstes, leiste sich den Luxus, ihre Geschichte an zehn verschiedenen Standorten auszustellen wie Hamburg mit den vier Haupthäusern der Stiftung Historische Museen und ihren sechs Außenstellen. Ist da nicht etwas dran?
Dieses Argument verkennt eine Reihe von Hamburger Besonderheiten:
– In keiner vergleichbaren Stadt wurden in so junger Vergangenheit, nämlich erst 1937/38, derart unterschiedliche Traditionen zusammengeführt wie unter anderem die der Hansestadt Hamburg, des liberalen, lange Zeit dänisch regierten Altona und der einstigen Welfenresidenz Harburg. Die dazugehörigen Bürgermuseen bestanden damals schon lange. Ihre Vielfalt und ihre Bedeutung für den jeweiligen Bezirk ist durchaus mit den zahlreichen Schlössern und Burgen zu vergleichen, die durch Eingemeindungen heute zu Berlin gehören (Charlottenburg, Köpenick, Tegel, Glienicke, Schönhausen, Friedrichsfelde, Zitadelle Spandau …) und deren Existenzrecht niemand in Frage stellt.
– Unter jenen Städten, die sich noch heute stolz Hansestädte nennen, ist Hamburg die einzige, die weder eine zumindest in Teilen intakte historische Altstadt noch wenigstens einzelne herausragende Bürgerbauten der Hansezeit wie das Bremer Rathaus vorzuweisen hat; auch in Altona, Harburg oder Wandsbek ist von den einstigen Ortskernen nicht mehr viel zu sehen. Allein dieses Missverhältnis von historischer Bedeutung und sichtbar erhaltenen Zeugnissen müsste eine ausführliche museale Darstellung der Geschichte rechtfertigen.
– Ohnehin aber zeigt nur das Museum für Hamburgische Geschichte alias Hamburg-Museum eine stadthistorische Sammlung im engeren Sinne. Die übrigen drei Haupthäuser haben andere Schwerpunkte: das Helms-Museum die Vor- und Frühgeschichte, das Museum für Arbeit die industrielle Entwicklung und das Altonaer Museum neben der Kinderkultur das zukunftsträchtige Thema Mensch und Umwelt, bezogen auf den gesamten norddeutschen Raum. Von Überschneidungen und Doppelungen kann da keine Rede sein. Keines dieser Themen könnte wegbleiben, ohne eine tiefe Lücke zu hinterlassen; ebenso wenig ließe es sich konzeptionell oder auch nur räumlich in eines der anderen Häuser eingliedern. Die Außenstellen wiederum definieren sich wesentlich über die jeweiligen historischen Orte: Jenisch-Haus (großbürgerliche Wohnkultur in einer der prächtigsten Elbvillen), Rieck-Haus (bäuerliche Hofanlage), Kramer-Witwen-Wohnung (Fachwerkbau unterm Michel), Speicherstadtmuseum, Hafenmuseum sowie Museum für Bergedorf und die Vierlande im Bergedorfer Schloss.

Die Idee des alten CDU-GAL-Senats, das Altonaer Museum zu schließen, scheint doch seit der Bürgerschaftswahl vom 20. Februar 2011 vom Tisch zu sein: Sowohl der neue Erste Bürgermeister Olaf Scholz als auch die Kultursenatorin Barbara Kisseler bekennen sich ausdrücklich zur Zukunft des Hauses. Wozu braucht es da noch eine Bürgerinitiative?
Tatsächlich ist die akute Gefahr erst einmal gebannt, und es besteht Hoffnung auf ein konstruktives Miteinander von Kulturpolitik und Museen. Aber die BI hat immer noch gut zu tun. Mit den 24 827 Unterschriften für die Volksinititative im Rücken gilt es jetzt, die Bürgerschaft von Gesetzesänderungen zu überzeugen, die Hamburgs Museen dauerhaft besser vor dem Zugriff der Politik schützen. Daneben will die BI bei der anstehenden Neuordnung des Altonaer Museums die Perspektive der Nutzer vertreten und begleitet interessiert die Pläne, die Stiftung Historische Museen Hamburg neu zu strukturieren. Auch dem neuen Senat fehlt es an Geld, und wir wollen ausdrücklich nicht, dass die Rettung des Altonaer Museums mit der Schließung anderer Institutionen erkauft wird. Überdies ist weiterhin Vorsicht geboten: Wenn sich die politische und personelle Lage ändert, können auch und gerade in Hamburg die dummen Ideen vom vergangenen Herbst schnell wieder mächtige Fürsprecher finden.

Wie könnte die Zukunft des Altonaer Museums aussehen?
Derzeit erkennt man dort überall, dass wegen der langjährigen Unterfinanzierung neben der Arbeit an Wechselausstellungen nur die nötigste Bestandserhaltung zu leisten war. Pläne für eine durchgreifende bauliche und konzeptionelle Erneuerung, entwickelt vom Hamburger Architekturbüro Störmer Murphy and Partners, liegen aber bereit; wenn der Bestand des Hauses gesichert ist, können sie konkretisiert und umgesetzt werden.
Nach den Vorstellungen des Direktors Torkild Hinrichsen sollen zwei Standbeine dem Altonaer Museum dauerhaft eine einzigartige Stellung unter den Museen Hamburgs und ganz Deutschlands sichern: die Kinderkultur sowie das Thema „Mensch und Umwelt“ in Geschichte und Gegenwart des norddeutschen Raums und Nordeuropas. In einem ersten Schritt könnte innerhalb der nächsten zwei Jahre der östliche Trakt des Hauses saniert und zu einer großen Kinderabteilung ausgebaut werden, zu der neben dem interaktiven Kinderolymp und dem Kinderbuchhaus auch eine großzügige Präsentation der bedeutenden Spielzeugsammlung (vielleicht mit Dubletten und Nachbauten zum Selberspielen) sowie die Kinderbibliothek mit über 5000 Bänden aus den vergangenen 200 Jahren gehören sollen.
Im zweiten Schritt würden die übrigen Abteilungen instandgesetzt und, unter anderem mit Hilfe neuer Medien, als eine Gesamtschau über das Verhältnis von Natur und Mensch in Stadt und Land neu inszeniert. Die historischen Fischerei- und Bauernhausmodelle hätten darin ebenso ihren Platz wie ein Teil jener zoologischen und botanischen Präparate, die zum ursprünglichen Bestand des Hauses gehörten, aber 1979 an die Universität abgegeben worden sind. Eine solche umfassende Ausstellung zur Lebenswirklichkeit in Norddeutschland könnte auch aktuelle Fragen, etwa zur Nahrungsmittelerzeugung oder Energiegewinnung, anschaulich erörtern. Wenn es dieses Haus nicht schon gäbe, müsste die GAL, die vorigen Herbst mit seiner Schließung einverstanden war, es eigentlich erfinden.

Lässt sich eine solche Erneuerung des Altonaer Museums überhaupt bezahlen?
Wenn man nur auf städtische Mittel setzt, wird das in der heutigen Lage eng bis unmöglich. Hoffen sollte man dagegen auf die gute Altonaer Tradition der privaten und gewerblichen Sponsoren: Schon der Gründungsdirektor Otto Lehmann hat sich Saal für Saal von inhaltlich adäquaten Betrieben und kulturell interessierten Bürgern bezahlen lassen. Jetzt, wo das Museum neue Aufmerksamkeit gewonnen hat und die Wirtschaft optimistisch nach vorn schaut, erscheint die Gelegenheit so günstig wie selten, den alten Gemeinsinn wieder aufleben zu lassen.                                                                          Boris Hohmeyer

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