http://www.zeit.de/kultur/kunst/2010-10/altona-museum-kommentar
Altonaer Museum Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!
Hamburgs Oberbürgermeister widerruft die Schließung des Altonaer Museums. Aber das ist ein Pyrrhussieg. Nun sollen die Museen sich selbst kaputt sparen. Ein Kommentar
Die Bürgerinitiative war erfolgreich: Das Altonaer Museum bleibt tatsächlich
Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war. Bertolt Brechts berühmte Formel aus dem Lehrstück Der Neinsager stammt nicht zufällig von 1929/1930. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der Höhepunkt der Erkenntnisskepsis. Erkenne, dass A falsch war! Das sollte heißen: Habe den Mut, Deine Irrtümer zuzugeben.
In Hamburg haben sie diesen Mut jetzt endlich gefasst. Nachdem die Kulturbehörde vor vier Wochen die Schließung des Altonaer Museums verkündet und massive Proteste ausgelöst hatte, so dass selbst Altbundeskanzler Helmut Schmidt intervenierte, korrigierte der Oberbürgermeister Dieter Ahlhaus (CDU) nun die Entscheidung seines Kultursenators. Das Museum soll bleiben. Die größte Sammlung norddeutscher Kulturgeschichte wird nicht zerschlagen. Zur Erinnerung: Hamburg hatte sich von den Folgen kulturpolitischen Missmanagements durch Sparmaßnahmen befreien wollen, die womöglich noch zusätzliches Geld gekostet hätten. 3,5 Millionen sollte die Schließung des Altonaer Museums angeblich bringen, doch Kritiker rechneten vor, dass sie teuer werden könnte.
Wer A sagt, muss nicht B sagen. Hatte Brecht also Recht? Aber warum lässt das gerettete Altonaer Museum jetzt nicht die Korken knallen und feiert seinen Sieg? Weil es ein Pyrrhussieg ist. Denn Ahlhaus hat zwar den Erhalt des Museums verkündet, aber zugleich die Stiftung Historische Museen Hamburg, die insgesamt vier Museen umfasst, dazu verdonnert, die gewünschte Sparsumme von 3,5 Millionen Euro selbst aufzubringen. Diese 3,5 Millionen jährlich sind der bisherige Etat des Altonaer Museums – und ein Drittel des Stiftungsetats von insgesamt 11 Millionen. Nun soll die Stiftung selbst bis April 2011 ein “tragfähiges” Konzept für die Einsparungen entwickeln. Die Politik aber ist fein raus: Der Bürgermeister demonstriert Kritikfähigkeit, sein Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) steht nicht länger als Museumsverweser da, und die Museen dürfen sich selber abschaffen.
Was tun? Für das Altonaer Museum kursiert die Idee, Räume an andere Kultureinrichtungen zu vermieten. Dann würde aus dem Haus allerdings ein Kessel Buntes. Fakt ist, dass die Stiftung Historische Museen Hamburg sich mit einer gestaffelten Etatkürzung um 0,5 Millionen Euro im Jahr 2011, um 1,5 Millionen im Jahr 2012, um 2,5 Millionen im Jahr 2013 und ab 2014 um jährlich 3,5 Millionen ruinieren wird – auch wenn das jetzt noch keiner so deutlich artikulieren will. Kulturpolitisch ist die Katastrophe fast noch größer geworden, weil jetzt vier Museen und insgesamt zehn Standorte betroffen sind, von denen nicht klar ist, welcher 2014 noch betriebsfähig sein wird. So geht Hamburger Kulturpolitik: Wer A sagt, muss auch B sagen, aber zur Beruhigung der Bürger so tun, als ob er seinen Fehler erkannt hat.
Und was ist nun ein Pyrrhussieg? Wenn der Sieger nach gewonnener Schlacht genau so schlecht dasteht wie ein Verlierer. König Pyrrhus von Epirus rief nach seinem Sieg über die Römer im Jahr 279 vor Christus: “Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!” Ja, noch so ein Kultursparbeschluss, und Hamburgs Historische Museen sind futsch! Armes siegreiches Altonaer Museum!





